Dissertationsprojekt: Praktiken der Alltagsmobilität

Alltägliche Mobilität im urbanen Raum im Spannungsfeld von Routinen und

diskursiven Ansprüchen –

Eine qualitativ-empirische Studie zur Situation in Stuttgart

 

Doktorand: Matthias Leger 

 

  • Forschungsfrage: Inwiefern wird die diskursive Notwendigkeit zur sozio-technischen Transformation des Mobilitätssystems im Alltag zu sozialer Wirklichkeit? Welche Auswirkungen zeigen sich in Hinblick auf alltägliche Praktiken?
  • Theorie: Praxistheorie, Pragmatismus
  • Methoden: Qualitative Verfahren, Grounded Theory / Situationsanalyse

 

Abstract:

Die sogenannte Mobilitätswende zeigt sich als eine der großen gegenwärtigen Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft. Die Transformation zu nachhaltigen Mobilitätspraktiken und damit einem ökologisch verträglichen wie verantwortlichen Mobilitätssystem setzt eine tiefgreifende Veränderung alltäglicher Praxis und damit einen Wandel fest verankerter Routinen voraus. Räumliche Mobilität ist ein Kernelement des täglichen Lebens moderner westlicher Gesellschaften. Angesichts des anthropogenen Klimawandels stellt sich jedoch zunehmen die Frage, wie Mobilität künftig aussehen kann und soll. Besonders augenscheinlich wird dies in den Städten: Feinstaubdebatte und Fahrverbote, Staus und Verkehrslärm sind insbesondere zur ‚Rush-Hour‘ Normalität geworden. Hohe Mieten oder fehlender Wohnraum, sowie eine allgemeine Flexibilisierung der Arbeitskraft zwingen dabei immer mehr Menschen, eine weitere Strecke für den täglichen Weg zum Arbeitsplatz zurückzulegen, was die bestehende Problematik noch verschärft. Die daraus resultierenden zusätzlichen Belastungen für Umwelt und Einwohner, wie CO2-Emissionen, Stickoxide, aber auch Aspekte wie bspw. Flächenversiegelung, werden dabei zunehmend problematisch und rücken immer mehr auf die politische Agenda. Verschiedene Sphären des Alltags wie Arbeit, Konsum oder Freizeit werden daher im öffentlichen Diskurs und von verschiedenen Akteursgruppen immer häufiger als nicht-nachhaltig etikettiert. Betrachtet man die nachhaltige Transformation im städtischen Raum, so kann das Autofahren als eine entscheidende Praktik identifiziert werden, da es die Grundlage für größere Praxissysteme bildet (Watson 2012).

 

Wir sehen uns einem zunehmenden Trend gegenüber, der das Auto als dominantes Verkehrsmittel zum ersten Mal zur Disposition stellt (Canzler et al. 2018). Gleichzeitig können wir eine ständig wachsende Zahl neu zugelassener Autos feststellen, die zu Staus, überschrittenen Luftqualitätsstandards und einer Überlastung städtischer Mobilitätssysteme führen. Dementsprechend werden Themen nachhaltiger Mobilität mehr und mehr auf die politische Agenda gesetzt. Während die räumliche Mobilität als ein zentrales Bedürfnis der modernen Gesellschaft und der Integration z.B. in den Arbeitsmarkt gesehen werden kann, lässt sich zugleich auch eine Verschiebung der Verantwortung für nachhaltiges Handeln auf die Ebene des Individuums identifizieren (vgl. Henkel et al. 2018).

 

Innerhalb dieses Feldes zielt das Projekt darauf ab, die Praxis der Autonutzung und ihre Einbettung in den Stuttgarter Alltag zu erforschen. Die Arbeit ist entsprechend als Fallstudie konzipiert. Die übergeordnete Forschungsfrage ist, wie sich diese automobile Praxis zwischen den Dimensionen Routine, materielle Infrastruktur und diskursive Erwartungen vollzieht. Erste tentative Ergebnisse weisen dabei in die Richtung, dass die Notwendigkeit der Autonutzung für die Organisation des Alltags oft als alternativlos empfunden wird. Durch die wechselseitige Verknüpfung mit anderen Praktiken wie Arbeit, Familie, Freizeit, Sport usw. könnte die Funktion der Autonutzung demnach letztlich auch darin liegen, Mobilität für verschiedene andere Praktiken ‚bereitzustellen‘. Das resultierende System der Automobilität (Urry 2004) als sozio-technisches System versammelt also verschiedene routinierte Praktiken um sich herum, die sich gegenseitig stabilisieren und Lock-ins schaffen, die das Auto als dominierendes Verkehrsmittel erhalten.

 

Methodisch wählt die Dissertation ein qualitatives Vorgehen im Stil der Grounded Theory, welche mit Elementen der Situationsanalyse angereichert wird. Diese Kombination ermöglicht es, Mikro-Makro-Dualismen aufzuheben, indem der Fokus der Analyse auf die Komplexität der Situation sowie die daran partizipierenden Elemente gelegt wird. Basierend auf einem ersten Feldzugang durch Fokusgruppen mit verschiedenen Beteiligten wurden relevante Diskurselemente und Fälle für leitfadengestützte Tiefeninterviews identifiziert.

 

Das Ziel des Dissertationsvorhabens besteht darin, die alltägliche Automobilität in Stuttgart in ihrer Verwobenheit mit technisch-materiellen Infrastrukturen, diskursiv-normativen Ansprüchen und implizitem Wissen aufzuzeigen und darzustellen. Durch ein konkretes Verständnis komplexer sozialer Alltagssituationen soll so herausgearbeitet werden, inwiefern diese routinenhaften Praktiken einer generellen Veränderung zugänglich sind und welche potentiellen Anschlussmöglichkeiten sich daraus für eine nachhaltige Entwicklung urbaner Mobilität in Stuttgart ergeben. Damit werden Erklärungsansätze erarbeitet, wie Personen in ihrem Alltag mit Anforderungen, Möglichkeiten und strukturellen Limitierungen nachhaltiger Mobilität in Berührung kommen. In einem weiteren Schritt sollen aus den Ergebnissen konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, wie sich die Notwendigkeit zur sogenannten Mobilitätswende wirkungsvoll in die alltägliche Praxis übersetzen lässt, sodass sich ein Wandel zu nachhaltigeren Mobilitätsformen vollziehen und etablieren kann.